„28 – Der Weg entsteht im Gehen“: Wenn aus einem Roman reales Leben wird

Am 10. Juni 2026 versammelten sich im Union Kino Fürstenwalde Vertreterinnen und Vertreter zahlreicher Einrichtungen der Frühen Hilfen im Landkreis Oder-Spree zu einem besonderen Fachgespräch. Im Mittelpunkt stand der Dokumentarfilm „28 – Der Weg entsteht im Gehen“ von Regisseurin Cornelia Grünberg – der krönende Abschluss einer einzigartigen filmischen Langzeitbeobachtung.

Den Vormittag eröffnete der Leiter des Jugendamtes Oder-Spree Jörg Keppler. Moderiert wurde die Veranstaltung von Hannes Vierus (Diakonisches Werk Oderland-Spree e.V.) und der Netzwerkkoordinatorin der Frühen Hilfen, Jeanett Kleinert, die den inhaltlichen Rahmen des Tages mitgestalteten. Vorbereitet wurde die Veranstaltung von einem kleinen Team der Frühen Hilfen, die den Umgang mit dem Thema „minderjährige Mütter“ in den Fokus rücken wollten.

Vom Jugendroman zur gelebten Wirklichkeit

Grundlage für das Filmprojekt war der Jugendroman „Rückwärts ist kein Weg“ von Jana Frey, der 2012 unter dem Titel „Vierzehn“ für das Kino verfilmt wurde. Darin geht es um ein 14-jähriges Mädchen, das ungewollt schwanger wird und sich mitten in der schwierigsten Entscheidung ihres jungen Lebens befindet – zwischen dem Druck der Umgebung und dem eigenen inneren Kompass. Cornelia Grünberg erkannte in diesem Stoff den Kernpunkt, der sie nicht mehr losließ: Was passiert mit einem jungen Menschen, der ungeplant schwanger wird und sich zwischen zwei Lebenswegen entscheiden muss? Aus dieser Frage wurde kein weiterer Spielfilm – sondern gelebte Wirklichkeit.

15 Jahre, vier Frauen, eine Trilogie

Seit 2008 begleitete Cornelia Grünberg vier junge Frauen – Lisa, Steffi, Laura und Fabienne –, die im Alter von nur 14 Jahren ungewollt schwanger wurden und sich gegen alle Vorurteile für ihre Kinder Leyla, Valentin, Stella Luna und Jason entschieden. „28 – Der Weg entsteht im Gehen“ ist der abschließende Teil der Trilogie. Der erste Teil entstand, als alle vier Protagonistinnen minderjährig Mütter wurden (VIERZEHN – Erwachsen in neun Monaten, 2012), der zweite, als die jungen Frauen 18 Jahre alt wurden und juristisch die volle Verantwortung für ihre Kinder übernahmen (ACHTZEHN – Wagnis Leben, 2014).

Der Aufwand hinter diesem Werk ist beeindruckend: 116 Filmminuten entstanden aus rund 400 Stunden Material, verteilt über 15 Jahre – darunter 50 Drehtage für „14″, 27 für „18″ und 17 für „28″. Zwischen 2015 und 2023 drehte das kleine dreiköpfige Team nicht, hielt aber engen Kontakt zu den Protagonistinnen. Für Grünberg war das Projekt auch ein persönlicher Lernprozess: Nach den ersten Drehtagen habe sie daran gedacht, aufzugeben – sie hatte noch nie dokumentarisch gearbeitet. Ein Leitmotiv habe sie durch alle Jahre begleitet: „Ich darf nicht urteilen.“

„28 – Der Weg entsteht im Gehen“ feierte am 6. Oktober 2025 Premiere und kam am 9. Oktober 2025 in die Kinos. Die vier Frauen aus Hessen, Bayern, Baden-Württemberg und Thüringen sind darin heute 28 Jahre alt – und ihre Kinder so alt, wie sie selbst bei deren Geburt waren.

Regisseurin Cornelia Grünberg baut dabei immer wieder Archivszenen ein, die vergangene Ereignisse schlaglichtartig beleuchten und Entwicklungen sichtbar werden lassen. Der Film lebt von den ausführlichen O-Tönen der jungen Mütter, ihrer Kinder und mitunter auch ihrer Partner.

Bewegende Gesprächsrunde: Was hat dieser Film ausgelöst?

Im Anschluss an die Filmvorführung entspann sich eine lebhafte Fachdiskussion. Anja Keß vom „Netzwerk Gesunde Kinder“ eröffnete mit der Frage nach dem Entstehungsaufwand – und erhielt mit den Zahlen hinter dem Film eine eindrucksvolle Antwort.

Ein zentrales Thema: Welche Hilfe hat bei den vier Frauen am meisten gewirkt? Das Gespräch zeigte: Alle vier hatten sogenannte „Schutzengel“ – den Kontakt zu Einrichtungen und Familie in entscheidenden Momenten. Verschiedene Beratungsstellen spielten eine tragende Rolle, darunter der Sozialdienst Katholischer Frauen mit dem Angebot der „Babybedenkzeit“. Auch das Filmteam selbst wurde als stützend wahrgenommen – weil alle Beteiligten wussten, dass jemand genau hinschaut.

Detlef Schlingelhof von der Kinder- und Jugendhilfe fragte nach den Vätern: Teils seien neue Väter hinzugekommen und hätten sogar die Kindsväter wieder in die Familien geholt – teils seien diese vollständig verschwunden.

Sozialarbeiterin Uta Pehle von einer Förderschule lenkte den Blick auf das Mädchen Leila, das im Filmverlauf zunehmend aus dem Bild verschwindet – und auf das fehlende Bildungskapital, das sich in der Konstellation Mutter ohne Schulabschluss und Kind ohne Schulabschluss fortschreibt.

Lehrerin Simone Nemitz berichtete, dass sie Tränen zurückhalten musste, als Fabienne im Film das Lob einer Ärztin erhält – eine Szene, die stellvertretend für einen wichtigen Grundsatz der Frühen Hilfen steht: Es wird nicht nur auf Defizite hingewiesen, sondern auch Stärken werden gesehen und benannt.

Maxie Wollschläger aus der Sozialplanung nannte eine der erschütterndsten Dynamiken des Films: das auf die Kinder übertragene Stigma junger Mütter. Valentins Mobbing-Erfahrung war schwer auszuhalten. Und doch: Alle Frauen sind gestärkt aus ihrem Weg hervorgegangen. Die Umwelt schaue auf junge Mütter – und die Kinder spüren das.
Eine Zuschauerin war sichtlich gerührt von Steffi, die wie eine Löwenmama für ihr Kind kämpft und bei der Einschulung von einer Fachstelle bestätigt wird: Sie ist die Expertin für ihr Kind. Mutig und bewegend.

Was wären die relevanten Frühen Hilfen gewesen?

Das Fachgespräch mündete in eine konkrete Reflexion: Welche Angebote im Landkreis Oder-Spree hätten diesen vier Frauen damals helfen können?
Genannt wurden: die Babylotsin des Diakonischen Werkes als Türöffner für Anträge (Wohngeld, Kindergeld etc.), das Angebot der pro Familia für Schwangerschaftsfrühberatung und Konfliktberatung, der Babybegrüßungsdienst und das Netzwerk Gesunde Kinder, Hebammen, Kinderärzte sowie die Adoptionsberatung. Annett Schauermann von der pro Familia brachte zudem eine bedenkenswerte Idee ein: Minderjährige Schwangere und ihre Mütter in den gegenseitigen Austausch bringen – denn als Gleichaltrige sind sie oft doppelt isoliert.

Diskutiert wurden auch Hürden im System: Das Verhältnis zwischen Hebammen und Gynäkologen sei historisch von Kompetenzfragen belastet. Und das Beantragenmüssen an unzähligen Stellen – Jugendamt, Beistandschaft, Vaterschaftsklärung, Finanzierungsfragen – überfordere junge Familien erheblich. Der Wunsch nach einer echten Sozialstaatsreform mit Antragstellung aus einer Hand wurde deutlich geäußert.

Wie schnell haben wir geurteilt?

Fabienne, Lisa, Steffi, Laura – vier Namen, vier Leben, die in unserer Gesellschaft von Anfang an unter einem schweren Vorzeichen standen: zu jung, zu unerfahren, zu überfordert. Das Urteil war oft gefällt, bevor die vier Mädchen überhaupt die Chance hatten, ihren eigenen Weg zu gehen. Was dieser Film nach 15 Jahren zeigt, ist kein Scheitern – es ist das Gegenteil. Und es wirft eine unbequeme Frage auf: Wie viele Wege werden in unserem Alltag im Keim erstickt, weil wir zu schnell wissen, was richtig ist? Weil der Blick auf das Defizit schneller kommt als der Blick auf die Stärke?

Kein vierter Teil – aber ein neues Projekt

Auf die Frage, ob es einen vierten Teil geben werde, antwortete Grünberg klar: nein. Dokumentarfilme dieser Art seien angesichts von 80 Prozent weniger Förderung kaum noch zu finanzieren. Und die vier Frauen haben es verdient, ihr Leben zu leben, ohne dass jemand zuschaut. Ihr nächstes Projekt – „Der Bahnhofsvorsteher“ – ist auf ihrer Website zu finden.
Alle drei Filme sind über die Schulkinowochen von VISION KINO zugänglich; Veranstaltungen dazu können für Schulen gezielt organisiert werden.

Ein herzliches Dankeschön gilt dem Betreiber des Union Kinos Fürstenwalde, der mit seinem Haus den idealen Rahmen für diesen besonderen Fachvormittag geschaffen hat – ein Ort, an dem Film nicht nur konsumiert, sondern erlebt und weitergedacht wird.

(Pressestelle LOS)